Lesen Sie auch erst ein Buch über Zahnheilkunde, bevor Sie zum Zahnarzt gehen?

von | Mai 7, 2026

oder studieren Sie das Gesetzbuch, bevor Sie zum Anwalt gehen, schauen Sie Videos über die Steuererklärung, bevor Sie Ihre Steuerunterlagen einem Steuerberater übergeben?
Wahrscheinlich nicht. Sie gehen davon aus, dass Sie mit einem Anwalt bzw. Steuerberater einen ausgewiesenen Experten antreffen, der Ihnen bei Ihrem Anliegen gezielt weiterhelfen wird.

Bei der Geldanlage sehen das einige Menschen anders. Sie möchten:

  • „Erst alles verstehen“, bevor Sie einen Experten, wenn überhaupt zu Rate ziehen
  • Bücher lesen über Geldanlage
  • Videos schauen und Seminare besuchen (und viel Geld dafür bezahlen)

bevor sie erkennen, dass sie alleine nicht weiterkommen.

Woher kommt dieses Denken und wer profitiert von diesem Glauben, Geldanlage und Altersvorsorge seien ganz einfach?

Wir nehmen uns heute mal die sog. Finfluencer vor und schauen auf ihr Geschäftsmodell. Woher kommt der Begriff Finfluencer überhaupt?

Der Begriff setzt sich aus Finance und Influencer zusammen. Finfluencer sind Akteure, die über Geldanlage, Altersvorsorge, Kryptowährungen, ETFs oder Budgeting auf Plattformen wie YouTube, TikTok, Instagram oder Podcasts berichten. Manche haben Hunderttausende Abonnenten – und damit eine erhebliche Reichweite in die Geldbörsen ihrer Follower.

Im Unterschied zu klassischen Bankberatern wirken sie nahbar, verständlich und ihr Angebot ist oft zunächst kostenlos. Genau das macht sie attraktiv – besonders für junge Menschen, die das erste Mal mit der Börse in Berührung kommen.

Ihr Angebotsspektrum ist oft sehr breit. Die einen erklären geduldig, wie ein ETF-Sparplan funktioniert oder warum der Zinseszins so mächtig ist. Anderen preisen spekulative Investments an – von „Meme-Aktien“ über Kryptowährungen, Handelsstrategien bis hin zu Hebelprodukten, es gibt kaum ein Finanzprodukt im weitesten Sinne, das noch nicht den Weg zu den Finfluencern geschafft hätte.

Was bieten sie konkret:

  • Bildungsformate wie z.B. Grundlagen des Investierens, Erstellung von Haushaltsbudgets, Erklärungen von Altersvorsorge-Produkten
  • Produktempfehlungen wie z.B. Brokervergleiche, Kreditkarten-Reviews, Neobroker-Werbung
  • Spekulative Tipps wie gehypte Krypto-Währungen, Einzelaktien, „Hot Stocks“, Hebel-Trades

Gegen Bildungsformate ist grundsätzlich gar nichts zu sagen. Unser Schulsystem versagt in Puncto Finanzbildung komplett. Ob das dann immer alles so stimmt, was an Finanzbildung von Finfluencern in die Welt gebracht wird, steht auf einem anderen Blatt. Ich habe leider schon sehr viel inhaltlich falsche Posts gelesen und fragwürdige Videos gesehen. Wie dem auch sei, schauen wir mal auf die Vorteile, die Finfluencer für Anlegerinnen und Anleger bereithalten.

  1. Die Hemmschwelle für Laien, sich mit Finanzen zu beschäftigen wird gesenkt. Finanzthemen wirken in kurzen, unterhaltsamen Videos deutlich weniger einschüchternd als ein Gespräch mit einem Bankberater.
  2. Stärkung der Reichweise in junge Zielgruppen. 18- bis 30-Jährige, die von klassischen Finanzinstitutionen kaum erreicht werden, informieren sich aktiv über Social Media.
  3. Demokratisierung von Wissen: Komplexe Konzepte wie Kapitalmärkte allgemein, Diversifikation bei der Geldanlage oder Inflation werden kostenlos und allgemeinverständlich erklärt.

Es gibt sicher noch weitere Vorteile, das wären die Punkte, die mir spontan einfallen.

Allerdings gibt es schwerwiegende Nachteile, auf die ich nun eingehen möchte:

  1. Finfluencer haben in der Regel keine Zulassung, z.B. nach Gewerbeordnung und übernehmen keinerlei Haftung für ihre Empfehlungen.
    Die meisten Finfluencer sind keine zugelassenen Anlageberater. Sie haften rechtlich nicht für Verluste, die ihre Empfehlungen verursachen. In Deutschland ist die BaFin zuständig – doch die Grenze zwischen „Meinung“ und „Beratung“ ist oft fließend.
  2. Survivorship Bias, zu deutsch „Überlebenden-Fehler“: Wer mit Krypto-Währungen reich geworden ist, macht Videos darüber. Wer alles verloren hat, verschwindet still und macht sich klammheimlich vom Acker. Wer berichtet schon gerne über seine Misserfolge? Follower sehen nur die Erfolgsgeschichten – was ein verzerrtes Bild der Realität erzeugt.
  3. Pump and Dump-Risiken: Einzelne schwarze Schafe kaufen eine Aktie oder ein Token, empfehlen es lautstark ihren Followern und verkaufen, sobald der Kurs steigt. In den USA hat die zuständige Wertpapieraufsichtsbehörde, SEC solche Fälle bereits verfolgt. Die ING-Bank hat hierzu einen Artikel verfasst, den Sie hier lesen können.
  4. Fear Of Missing Out (FOMO) führt zu emotionalen Entscheidungen. Reißerische Titel wie „Diese Aktie vervielfacht sich 2025!“ erzeugen künstliche Dringlichkeit. Privatanleger kaufen impulsiv – oft zu Höchstkursen – und verkaufen panisch beim nächsten Rücksetzer.
  5. Dazu kommen oft undurchsichtige Kooperationen und nicht immer ist klar ersichtlich, ob ein Produkt wirklich überzeugt – oder ob der Creator dafür bezahlt wurde, es zu empfehlen. Transparenz ist gesetzlich vorgeschrieben, wird aber nicht immer umgesetzt.

Regulierung: Was die BaFin und der Gesetzgeber tun

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin und die EU haben das Thema auf dem Radar. Seit einigen Jahren gelten verschärfte Transparenzpflichten: Wer gegen Entgelt Finanzprodukte empfiehlt, muss dies kennzeichnen. Finfluencer, die konkrete Kauf- oder Verkaufsempfehlungen aussprechen, bewegen sich rechtlich in der Grauzone der Anlageberatung. Grundsätzlich kann jeder, egal ob Finanzausbildung oder nicht als Finfluencer auftreten und eine große Followerschaft aufbauen. Das Problem ist, dass Privatpersonen meist nicht unterscheiden können, ob ein Finfluencer wirklich Ahnung hat oder nicht. Davon abgesehen: Auch Marktteilnehmer mit Finanzausbildung haben oft keine Ahnung. Ist leider so in diesem Markt…

Die EU-Richtlinie MiFID II sowie Regeln rund um Marktmissbrauch greifen grundsätzlich auch für Social-Media-Inhalte – werden aber im digitalen Raum nur schwer durchgesetzt. Die Debatte, ob Finfluencer als Finanzdienstleister reguliert werden sollten, ist in vollem Gange.

Hier ein paar Hinweise, wie Sie seriöse Finfluencer erkennen können:

+ Kooperationen und Werbung sind klar als solche gekennzeichnet

+ Risiken werden offen kommuniziert, nicht nur Chancen

+ Inhalte sind nachvollziehbar begründet, nicht nur „hot take“

+ Der Creator empfiehlt professionelle Beratung für individuelle Situationen

+ Quellen werden genannt, keine vagen Versprechen über Renditen

Ein No-go: Garantierte Gewinne versprechen und zeitlichen Druck aufbauen

Mein Fazit: Inspriation durch Finfluencer ja, blindes Vertrauen und Gefolgschaft nein.

Finfluencer haben eine echte Lücke geschlossen: Finanzbildung für alle, verständlich und kostenlos. Das ist wertvoll. Gleichzeitig ersetzt kein YouTube-Video die individuelle Finanzplanung, die das eigene Einkommen, die persönliche Risikobereitschaft und die Lebenssituation berücksichtigt.

Wer Finfluencer als Inspiration und Lernquelle nutzt, tut sich etwas Gutes. Wer sie als persönlichen Anlageberater behandelt, geht ein echtes Risiko ein. Die Verantwortung liegt letztlich beim Anleger selbst – und an einem kritischen Blick führt kein Weg vorbei.

Wenn Sie wissen möchten, wie eine auf Sie abgestimmte Finanzplanung unter Berücksichtigung Ihrer individuellen Risikoneigung sowie Ihrer persönlichen Lebensplanung aussehen kann, dann melden Sie sich gerne bei mir.

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Bildquelle: Canva

Finanzmentoring-Carmen-Stephan Portrait

Carmen Stephan

Finanzberatung für Frauen | Frankfurt am Main

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