Acht Prozent sind ihr nicht genug. Genau hier beginnt das Risiko.

von Carmen Stephan | Nov. 4, 2026

Selbstüberschätzung beim Investieren: Warum der gefährlichste Moment nach dem Erfolg kommt – und warum prognosefreies Investieren die bessere Antwort ist.

Sabine ist 41 Jahre alt und hat beim Geldanlegen vieles richtig gemacht. Rund 400.000 Euro hat sie in den vergangenen fünfzehn Jahren angelegt. Einiges davon hat sie sich selbst erarbeitet, einen anderen Teil hat sie von ihren Eltern als Schenkung erhalten.
Sie hat über Indexfonds vorbildlich weltweit gestreut, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, Asien und den Schwellenländermärkten, über alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg. Zehn Prozent hält sie in Anleihen, und auf dem Tagesgeldkonto liegen 50.000 Euro für Unvorhergesehenes. Ihr Ergebnis: durchschnittlich 8 Prozent Rendite pro Jahr.

Und trotzdem sitzt Sabine abends vor dem Bildschirm und sucht: Künstliche Intelligenz, Rüstung, Uran, Robotik. „Da muss doch mehr drin sein", sagt sie. „Ich habe jetzt ja Erfahrung."

Genau an diesem Punkt machen viele erfolgreiche Anlegerinnen und Anleger ihren größten Fehler – nicht trotz ihres Erfolgs, sondern wegen ihm. Die Verhaltensökonomie nennt das Overconfidence, auf Deutsch Selbstüberschätzung.

Was Selbstüberschätzung eigentlich ist

Selbstüberschätzung ist kein Charakterfehler, sondern eine sehr menschliche Denkverzerrung, die fast jeden betrifft. Sie zeigt sich vor allem auf drei Arten:

  • Wir halten uns für besser als den Durchschnitt. In einem klassischen Experiment des Psychologen Ola Svenson hielten sich 93 Prozent der befragten Amerikaner für überdurchschnittlich gute Autofahrer – statistisch können es höchstens 50 Prozent sein. Eine Wiederholung der Studie 2023 bestätigte das Ergebnis.
  • Wir sind uns unserer Prognosen zu sicher. Wer überzeugt ist, dass „KI die Zukunft ist", tippt unbewusst gleichzeitig auf Richtung, Zeitpunkt, Preis und Gewinner. Das sind vier Prognosen in einer.
  • Wir schreiben Erfolge uns selbst zu, Misserfolge dagegen dem Pech oder „dem Markt". Wer fünfzehn gute Jahre hinter sich hat, verbucht sie ganz selbstverständlich als persönliche Leistung.

Woher die 8 Prozent wirklich kommen

Sabine glaubt, sie habe sich ihre Rendite durch geschickte Entscheidungen verdient – und könne mit noch geschickteren Entscheidungen noch mehr herausholen.

Die ehrliche Antwort ist unbequemer: Sabine hat ihre Rendite wegen ihrer Zurückhaltung erzielt. Sie hat keine Wetten auf Länder, Branchen oder Themen abgeschlossen, sondern den weltweiten Aktienmarkt gekauft und durchgehalten – in der Eurokrise, im Corona-Crash und im Zinsschock 2022. Ihre 8 Prozent sind im Kern die Rendite der Weltwirtschaft, eingesammelt durch Disziplin.

Das schmälert ihre Leistung nicht. Disziplin ist genau die Fähigkeit, an der die meisten scheitern. Aber wer die Zutat des eigenen Erfolgs falsch benennt, ersetzt sie im nächsten Schritt durch etwas anderes.

Wie Selbstüberschätzung Geld kostet

Zu viel Handeln

Die Finanzprofessoren Brad Barber und Terrance Odean haben in einer Studie die Konten von über 66.000 US-Haushalten bei einem großen US-Discountbroker ausgewertet. Es wurden die Jahre 1991 bis 1996 untersucht. Genauer gesagt war es der Sechsjahreszeitraum, der im Januar 1997 endete. Wer am meisten handelte, erzielte 11,4 Prozent Jahresrendite – der Markt dagegen 17,9 Prozent. Der Grund für den geringeren Ertrag waren nicht schlechte Wertpapiere, sondern Häufigkeit und Kosten des Handelns.

In ihrer Folgestudie „Boys Will Be Boys" zeigte sich: Männer handelten 45 Prozent mehr als Frauen und verloren dadurch 2,65 Prozentpunkte Rendite pro Jahr, Frauen 1,72 Prozentpunkte. Eine gute Nachricht für Anlegerinnen – aber kein Freibrief. Selbstüberschätzung kann sich auch leise zeigen: nach einer langen Erfolgsphase, als eine einzige große Umschichtung in ein vielversprechendes Thema. Genau dort steht Sabine.

Konzentration statt Streuung

Wer auf ein Thema setzt, gibt auf, was das eigene Depot bisher stark gemacht hat: die Streuung. Laut Morningstar haben über fünfzehn Jahre nur 9 Prozent der weltweiten Themenfonds überlebt und dabei einen breiten globalen Aktienindex geschlagen.

Eine Studie in der Fachzeitschrift Review of Financial Studies (2023) kommt zu einem noch deutlicheren Ergebnis: Themen-ETFs verlieren in ihren ersten fünf Jahren risikobereinigt rund 30 Prozent. Der Grund: Bis ein Anbieter ein „heißes" Thema erkennt und einen Fonds auflegt, sind die Aktien darin meist schon hoch bewertet. Die Zukunftsidee mag richtig sein – die Rendite haben andere vorher eingesammelt.

Und noch etwas übersieht Sabine leicht: Die großen KI-Gewinner stecken längst in ihrem Weltportfolio. Ein zusätzlicher KI-ETF bringt keine neue Chance, sondern verdoppelt ein Risiko, das sie schon hat.

Der Glaube, es besser zu wissen als die Profis

Über zehn Jahre bis Juni 2026 blieben 98 Prozent der in Euro notierten aktiv gemanagten globalen Aktienfonds hinter ihrem Vergleichsindex zurück (S&P Indices versus aktive = SPIVA). Ich war selbst viele Jahre Fondsmanagerin und weiß, wie hart dieses Geschäft ist. Wer glaubt, nebenbei klüger zu sein als der Markt, überschätzt nicht die Märkte, sondern sich selbst.

Was ein paar Prozentpunkte für Sabine bedeuten

„Ich schichte doch nur einen kleinen Teil um", könnte Sabine einwenden. Rechnen wir: Sabine ist 41 und hat bis zur Rente mit 67 noch 26 Jahre. Angenommen, sie lässt ihre 400.000 Euro einfach liegen:

Rendite p. a. über 26 JahreVermögen mit 67Unterschied zu 8 %
8 % (wie bisher)rund 2.959.000 €–
7 %rund 2.323.000 €rund – 636.000 €
6 %rund 1.820.000 €rund – 1.139.000 €

(Vereinfachte Modellrechnung vor Kosten und Steuern, ohne weitere Einzahlungen.)

Ein Prozentpunkt weniger kostet Sabine über 600.000 Euro, zwei Prozentpunkte mehr als eine Million – fast das Dreifache dessen, was sie heute angelegt hat. Und zwei Prozentpunkte sind genau die Größenordnung, die in den Studien durch Handeln und Themenwetten verloren ging.

Für Frauen wiegt das doppelt: Sie leben im Schnitt länger, ihr Vermögen muss also mehr Ruhestandsjahre tragen.

Zur Fairness gehört auch die andere Seite

Nicht jede Themenidee scheitert, und manche „Zukunftsbranche" ist tatsächlich zur Zukunft geworden. Das Problem: Man weiß es immer erst hinterher. Die 9 Prozent erfolgreichen Themenfonds lassen sich rückblickend leicht benennen. Im Voraus sahen die anderen 91 Prozent genauso überzeugend aus.

Prognosefrei investieren: die Antwort auf Selbstüberschätzung

Ich investiere prognosefrei. Das heißt: Ich baue ein Depot nicht auf eine Annahme darüber, welches Thema, Land oder welche Branche als Nächstes gewinnt. Denn jede Themenwette ist eine Prognose – und meist eine sehr selbstbewusste.

Prognosefreies Investieren ist eine Form der Demut. Es akzeptiert, dass niemand zuverlässig vorhersagen kann, was kommt, und baut eine Struktur, die in möglichst vielen Zukünften funktioniert. Warum das gerade bei lauten Crash-Warnungen so wichtig ist, lesen Sie in meinem Beitrag „Die nächste Korrektur kommt bestimmt. Nur nicht dann, wenn die Schlagzeilen es sagen". Und warum die Finanzbranche ständig neue Trends verkauft, erkläre ich hier: Die Finanzbranche ist ähnlich wie die Modebranche – nur nicht ganz so schick.

Sabine hat diesen Ansatz fünfzehn Jahre lang verfolgt, ohne ihn so zu nennen. Sie braucht keine neue Strategie – sondern den Mut, bei der alten zu bleiben.

Die echten Stellschrauben

Der Wunsch nach mehr ist legitim. Die wirksamen Hebel liegen aber fast nie beim nächsten Trendthema:

  • Wofür eigentlich mehr? Welches Einkommen braucht Sabine im Ruhestand? Vielleicht reicht ihr bisheriger Weg längst – dann wäre zusätzliches Risiko ein Risiko ohne Nutzen.
  • Kosten und Steuern optimieren. Jeder eingesparte Zehntelprozentpunkt ist sichere Rendite. Ab 2027 kommt zudem das Altersvorsorgedepot als steuerlich geförderter Baustein hinzu.
  • Risiken absichern. Ein großes Depot ist nur so stabil wie das Leben drumherum – bei Berufsunfähigkeit, Pflege oder Trennung.
  • Die Entnahme planen. Aus Sabines Vermögen wird einmal ein Einkommen werden müssen, ohne in einer Börsenschwäche zum falschen Zeitpunkt verkaufen zu müssen.

Warum gerade erfolgreiche Anlegerinnen eine zweite Meinung brauchen

Selbstüberschätzung erkennt man bei anderen sofort, bei sich selbst fast nie. Niemand sagt: „Ich überschätze mich gerade." Man sagt: „Ich habe Erfahrung."

Deshalb ist ein Blick von außen so wertvoll – nicht, weil Sie es nicht könnten, sondern weil jemand die Fragen stellt, die man sich selbst nicht stellt: Wofür ist dieses Geld da? Was weiß ich wirklich, was der Markt nicht weiß? Und was passiert mit meinem Plan, wenn ich mich irre?

Ihr nächster Schritt

Erkennen Sie sich in Sabine wieder? Dann ist jetzt der richtige Moment für einen Blick von außen – bevor aus einem guten Plan ein riskanter wird.

Lassen Sie uns über Ihre Situation sprechen. In einem persönlichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf Ihre Ziele, Ihre bestehende Struktur und darauf, wo bei Ihnen wirklich noch Potenzial liegt – unabhängig und in Ihrem Interesse.

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Ihre Carmen Stephan – Finanzmentorin und zertifizierte Ruhestandsplanerin


Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Weiterbildung und stellt keine Anlageberatung dar. Das Fallbeispiel ist fiktiv, die Rechenbeispiele sind vereinfachte Modellrechnungen ohne Kosten und Steuern. Historische Wertentwicklungen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.

Quellen: Barber, B. M. / Odean, T., „Trading Is Hazardous to Your Wealth", Journal of Finance 55 (2000); Barber, B. M. / Odean, T., „Boys Will Be Boys: Gender, Overconfidence, and Common Stock Investment", Quarterly Journal of Economics 116 (2001); Svenson, O., „Are We All Less Risky and More Skillful Than Our Fellow Drivers?", Acta Psychologica 47 (1981), sowie Replikation durch Koppel et al., Meta-Psychology (2023); Morningstar, Studie zu globalen Themenfonds (Zeitraum bis Mitte 2024); Ben-David, I. / Franzoni, F. / Kim, B. / Moussawi, R., „Competition for Attention in the ETF Space", Review of Financial Studies 36 (2023); S&P Dow Jones Indices, SPIVA Europe Scorecard Mid-Year 2026; eigene Berechnung.

Foto: Canva und eigene Bearbeitung

Finanzmentoring-Carmen-Stephan Portrait

Carmen Stephan

Finanzberatung für Frauen | Frankfurt am Main

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